Navigation

Schuldgefühle und Selbstvorwürfe

Schuldgefühle halten Vergangenes am Leben –
und verdunkeln die Gegenwart

Viele Menschen leiden unter schmerzlichen und belastenden Gefühlen, nicht wissend, dass es sich um unbewusste Schuldgefühle handeln kann. Unbewusst können Menschen Schuldgefühle und Selbstvorwürfe entwickeln, ohne dass mit diesen Gefühlen eine reale und konkrete Schuld verbunden werden kann. Sich schuldlos schuldig zu fühlen ist zehrend und wie ein verborgener Stachel. Wie ein langer Schatten können die Schuldgefühle das Leben verdunkeln. Während Trauer verblasst können Schuldgefühle immer heftiger werden. Schuldgefühle kommen immer aus der Vergangenheit, sie verdunkeln die Gegenwart und lähmen die Zukunft. Sie halten das Vergangene am Leben und schwächen das Leben.
 
Versuchen Sie für einen Moment Ihre Körperhaltung wahrzunehmen, wenn Sie denken: „Ach, hätte ich doch bloß…“, „wenn ich doch nur nicht…“, „wie konnte mir das nur passieren…“. Häufig sind diese inneren Monologe so eingefleischt, dass die gebeugte Körperhaltung, die verspannten Schultern gar nicht mehr wahrgenommen werden.
 
Dabei geht es gar nicht – oder nur selten – um Schuldfragen, die juristische oder strafrechtliche Bedeutung besitzen. Es gehört zum Menschsein dazu, Fehler zu begehen. Handelnd oder Nicht-Handelnd verstoßen Menschen gegen Normen, brechen gegen Regeln ihrer inneren Wertewelt. Am schwersten wiegt dabei, wenn eine negative Auswirkung auf die Außenwelt willentlich herbeigeführt wurde. Zumeist bereuen Menschen ihr Tun und das Verschulden löst reale Schuldgefühle aus – auch wenn diese reale Schuld durch unbewusste Motive mitbestimmt wurde. Eine reale Schuld ist dadurch charakterisiert, dass jemand sein Schuldigwerden und die negativen Auswirkungen erkennt. Der „schuldig“ gewordene Mensch fühlt sich für sein Handeln verantwortlich und leidet. Es gehört zu den Grundlagen unserer Gesellschaft, dass der Einzelne persönliche Verantwortung übernehmen sollte, für das was er getan oder unterlassen hat. Vor diesem Hintergrund ist das reale Schulderleben auch als ein reifes Verhalten zu verstehen und setzt eine empathische Fähigkeit voraus.

Schuldgefühle ohne Schuld –
Entstehung unbewusster Schuldgefühle

Wiederkehrende Schuldgefühle ohne reale Schuld sind Ausdruck eines hohen und nicht erfüllbaren Anspruches an sich selbst. Wie ich in meiner Praxis für Medizinische Hypnose in Hamburg immer wieder erlebe, haben diese unbewussten Schuldgefühle ihre Wurzeln in der frühen Kindheit. Durch das Wertesystem, dass unsere Eltern bewusst und unbewusst vermittelten, entwickeln Kinder bereits in den ersten Lebensjahren eine psychische Instanz, in der sich früh eine grundlegende Loyalität zu den Eltern ausbildet. Überzeugungen, Normen und Werte werden ungefiltert aufgenommen. Kinder hinterfragen die Reaktions- und Verhaltensweisen ihrer Eltern nicht.
 
So können bei Kindern früh Schuldgefühle ausgelöst werden, wenn ihre Eltern unglücklich, bedürftig oder chronisch krank sind, besonders bei psychischen Erkrankungen. Sie suchen die Gründe bei sich und versuchen, die Situation zu verbessern. Nicht selten ändert sich dann die Rollenverteilung; Kinder übernehmen die emotionale Fürsorge für ihre Eltern. Kinder werden zu den Eltern ihrer Eltern, Mädchen zu Mamas Mama. Sie übernehmen die Verantwortung für das Funktionieren der Familie, früh spürend, dass sie diese Rolle nicht erfüllen können. Die selbstauferlegte Verantwortung führt nicht selten dazu, dass betroffene Kinder selbst früh erschöpft sind, sich zurückziehen, verunsichert und ängstlich reagieren. Je jünger die Kinder sind, umso ungünstiger wirkt sich die Problematik ihrer Eltern auf ihre emotionale Entwicklung aus. So kann das Kind durch diese frühen Identifikationsprozesse später selbst bedürftig, krank und ängstlich werden – oder alles tun, um „pflegeleicht“ und gefügig das Leben „zu meistern“. Sie führen häufig ein Leben, in dem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen nicht entwickelt wurden und eigene Emotionen und Bindungen nicht reifen konnten.
 
Schulderleben – und das Gefühl nicht „sein“ zu dürfen
 
Nicht selten teilen Menschen mit, „eigentlich war ich ein ungewolltes Kind“, „ich war nicht geplant“, „mich hätte es nicht geben sollen“. Schuldempfinden, Nichtidentität und Verunsicherung wurzeln nicht selten darin, dass ein Kind nicht erwünscht ist. Kinder spüren schon sehr früh, ob sie erwünscht sind. Kinder erleben diese Ablehnung selten direkt und wörtlich, sondern vielmehr in einem abwertenden und einem entwertenden Verhalten. Diese wiederholten Botschaften hinterlassen Spuren und sind folgenreiche Mikroverletzungen des Gehirns. Ihre Entwicklung, ihre Identität – ihr ganzes Sein und Werden – wird durch diese Botschaften geprägt. Jede weitere traumatisierende Erfahrung bestätigt und verfestigt die vorangehende. Kinder beginnen früh diese psychische Dynamik zu wiederholen und entwertende Emotionsmuster zu wiederholen, so wie sie es bei ihren Eltern erlebt haben.
Schuldempfinden ohne Schuld kann sich auch entwickeln, wenn ein Kind hören muss, dass die Mutter fast bei seiner Geburt gestorben wäre.
 
Schuld an der Trennung der Eltern
 
Viele Kinder geben sich die Schuld dafür, dass ihre Eltern sich trennen. „Wenn ich nicht da wäre, wäre es nicht passiert“. Unbewusst schreiben sie die Scheidung der Eltern ihrem eigenen Verhalten zu, wie zum Beispiel „hätte ich doch besser in der Schule aufgepasst, dann wären sie noch zusammen“. Viele Kinder entwickeln tiefsitzende Loyalitätskonflikte und fühlen sich verpflichtet für Vater oder Mutter da zu sein. Diese schwierige und unsichere Zeit wird Teil ihrer Innenwelt und wird von Schuld- und Verlusterleben überlagert.
 
Frühe Verlusterfahrungen und lebenslange Schuld
 
Tragisch sind frühe Verlusterfahrungen, wenn ein Elternteil oder ein Geschwisterkind verstorben ist. Stirbt ein Bruder oder eine Schwester erleben trauernde Kinder ihre Eltern als „verwaist“, denn diese haben häufig den Blick für die lebenden Kinder verloren. Geschwister werden häufig zu den „vergessenen Trauernden“, denn alles dreht sich im emotionalen Chaos um das verlorene Kind. Kinder wollen ihre Eltern entlasten, unterdrücken ihre eigenen Gefühle. Sie leiden nicht selten unter schweren Schuldgefühlen, haben häufig das Gefühl schuldhaft am Sterben beteiligt gewesen zu sein und machen sich Vorwürfe. „Hätte ich mein Geschwisterkind vor Krankheit und Tod beschützen können?“, oder „warum lebe ich, und warum…“. Trauernde Kinder berichten über Schuldgefühle, weil sie überlebt haben und dass sie leben. Wenn eine lange Krankheit vorausgegangen war, berichten sie nicht selten, dass sie manchmal neidisch auf das Geschwisterkind waren und sich benachteiligt fühlten. Diese lähmenden verstörenden Schuldgefühle ziehen sich häufig wie ein roter Faden durch das gesamte Leben und können dazu führen, dass Trauerprozesse nicht abgeschlossen werden und Überleben als Schuld wahrgenommen wird.
 
Versäumte Trauerarbeit
 
Versäumte Trauerarbeit wirkt sich über Generationen aus. Das Vergangene ist vorbei, die Gefühle bleiben – auch über Generationen.
Viele Kriegskinder vererbten die Folgen ihrer Traumata. Die unverarbeitete Weitergabe von Verlust und seelischer Entwurzelung der Kriegskinder nagt bis heute an vielen Kriegsenkeln. Selbst schon in der Mitte ihres Lebens angekommen, berichten viele, dass unklare Schuldgefühle und ein depressiv getöntes Gefühl an ihnen nagen. Viele haben das Gefühl, nicht zu wissen, wer man ist und wohin man gehört. Viele sind tief verunsichert, leiden unter Zukunftsängsten und reagieren sehr verletzbar. Sie berichten von Schlüsselreizen, die wie aus dem Nichts aktiviert werden. So kann die Mimik eines unbekannten Menschen in einem banalen Alltagskonflikt an das Gesicht des Vaters erinnern, der Vater, der in seiner stillen Wut nicht gestört werden durfte und wo die Kinder immer leise sein mussten. Da ist die jammernde Stimme der lebensängstlichen Mutter und plötzlich wird die beruflich erfolgreiche Tochter wieder zur kleinen Tochter, die versucht die Mutter aufzumuntern.
 
Viele berichten, wie sie im wachsenden Wohlstand groß wurden, materielle Sicherheit erfuhren und dennoch in einem unsicheren emotionalen Vakuum aufwuchsen. Hineingeboren in nicht aufgelöste Traumata und eingefrorenen Gefühlen hörten sie, “ihr sollt es mal besser haben“, „wir meinen es doch nur gut“. Das Aufwachsen mit solchen Botschaften führte dazu, dass viele gegenüber ihren Eltern Schuldgefühle entwickelten. Lebend in der ererbten Angst und im Nebel emotionaler Fremdheit, konnten diese Kinder nicht verstehen und einordnen, dass sie nicht schuld an den seelischen Nöten ihrer Eltern waren; sie nicht schuld waren an der emotionalen Fremdheit ihrer Eltern, denen die Vergangenheit näher war – und ist – als die Gegenwart, und diese Vergangenheit das Leben ihrer Kinder überschattet.

Dynamik der Schuldgefühle

Durch die frühe Identifizierung mit den Auffassungen und Botschaften unserer Eltern können wir unbewusst Schuldgefühle entwickeln, die mit dem Gedanken an Strafe verknüpft sind. Diese können uns „verbieten“, uns selbst wahrzunehmen, erfolgreich zu sein und erfolgreicher als unsere Eltern zu werden. Diese unbewussten Überzeugungen hindern uns, Forderungen zu stellen und Wünsche zu äußern. Es gibt unzählige Beispiele dieser unbewussten Selbstboykottierung, die sich in Mitteilungen äußern wie: „Ich kann das alles nicht“; „ich schaffe das alles nicht“; „mich mag sowieso keiner; das Leben ist immer schwierig“; „alles ist immer so anstrengend“; „ich bin wertlos“; „ich darf keine Gefühle zeigen“; „ich darf nicht enttäuschen“, „ich darf mich nicht wehren“. Oder wir verurteilen uns selbst durch strafende Gedanken, wie zum Beispiel, „ich rechne immer mit dem Schlimmsten“. Diese inneren Monologe klingen negativ und schreiben das Lebensskript. Diese Überzeugungen lähmen uns; diese Glaubenssätze bremsen uns aus und halten uns klein.
 
Viele dieser unbewussten Einstellungen entheben sich unserer Kontrolle und können sich destruktiv auf unser Leben auswirken, wie zum Beispiel beim Perfektionismus. So wissen und spüren viele Menschen, die immer alles perfekt erledigen wollen, dass sie das gar nicht müssen und es auch nicht erwartet wird. Sie befinden sich in einem ständigen Konflikt. Sie wissen, dass ihr perfektionistisches, kontrollierendes Verhalten beruflich und privat ein Hemmschuh ist, sie ein Burnout, Angststörungen und Depressionen entwickeln können. Und dennoch können sie ihr zwanghaft getöntes Handeln nicht einfach ändern, weil es weiter von mächtigen unbewussten Überzeugungen und frühen leistungsorientierten Erwartungshaltungen, wie „ich muss alles richtig machen“ angetrieben wird. In letzter Instanz kann diese psychische Dynamik dennoch emotional regulierend wirken und das beschädigte Selbst mit seinem geringen Selbstwertgefühl, den Versagensängsten und den ständig aufkeimenden Schuldgefühlen stärken. Unbewusste Schuldgefühle können so kompensiert werden und die emotionale Balance wird gewahrt, auch wenn unser Verhalten destruktiv und selbstbestrafend ist.

Unbewusste Schuldgefühle: Psychische Folgen

Handeln und Nicht-Handeln, Leiden und Erleiden, Schuld und Schuldgefühle bestimmen unvermeidlich unser Leben. Die inneren Monologe der lebensfeindlichen Schuldgefühle bedrängen und beschränken unser Leben. Menschen machen sich Selbstvorwürfe und erfahren ihr Leben als Versagen wegen der Diskrepanz zwischen ihren Möglichkeiten und den nicht genutzten Chancen. Sie teilen mit, dass sie ihre eigenen Ideale verraten haben und Ihrem Selbstbild nicht gerecht wurden. Nicht  selten werden durch Vorwürfe oder durch ein vorwurfsvolles Verhalten eigene Schuldgefühle auf andere übertragen und andere für das eigene ungelebte Leben verantwortlich gemacht.
 
Schuldgefühle werden wie eine Verletzung des eigenen Selbst erlebt, häufig verbunden mit dem Gefühl der Scham. Die Folgen können gravierend sein. Das Selbstbild wird gefährdet und Menschen werden zunehmend unsicherer. Vitalität, Kreativität und Freude nehmen ab. Eigenständigkeit und Herausforderungen werden zunehmend im Keim erstickt, so dass Betroffene nachgiebiger werden, an Initiative verlieren und sich zunehmend ein- und unterordnen. Fast immer werden Ängste erlebt, Ängste vor der Zukunft, aber auch Krankheits- und Versagensängste. Um eine Art Sicherheit zu erlangen, können Menschen Perfektionismus, Zwangsgedanken und Zwangshandlungen entwickeln. Häufig kommt es zu Rückzugstendenzen, gepaart mit einer ängstlich getönter Stimmung bis hin zur Depression, Abhängigkeitserkrankungen, Selbstbestrafung und Suizidalität. 

Das psychische Leiden als Körperschmerz

Unbewusste Schuldgefühle sind eng mit kränkenden und krankmachenden Mustern verbunden. Die psychischen Konflikte können, wie der Neurowissenschaftler Bonelli ausführte „Signalschmerzen“ auslösen, die auch als körperliche Schmerzen wahrgenommen werden. Forscher konnten nachweisen, dass emotionale Schmerzen, wie Schuldgefühle, mit dem Warnsignal Schmerz im Gehirn gekoppelt werden, Bonelli, Raphael M.: Selber schuld. München: Pattloch Verlag (2013). Aus diesen neuronalen Überlappungen und der vernetzten Aktivierung verschiedener Schmerzzentren im Gehirn können körperliche Schmerzen resultieren, für die bisher trotz genauer Untersuchungen keine Ursachen gefunden werden konnten. Diese Beschwerden werden als somatoforme Schmerzstörung bezeichnet, die von Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen, chronischer Erschöpfung sowie Immunkrankheiten begleitet werden können.

Die Hypnosetherapie – ein Weg zur Lösung

In meiner Praxis für Medizinische Hypnose in Hamburg erlebe ich häufig Menschen, die unter zahlreichen Beschwerden und Ängsten leiden, wo unbewusste Schuldgefühle diese Beschwerden aufrechterhalten. 
 
Schuldgefühle können sich erst lösen, wenn wir beginnen, sie zu entlarven und herauszufordern. In der Medizinischen Hypnosetherapie kann das Unbewusste „mit seinem stillen Wissen“ den Ursprung dieser Schuldgefühle suchen. Häufig ist festzustellen, dass entlastende Prozesse nur auf der bewussten Ebene stattfinden, aber im Unterbewusstsein die Schuldgefühle unvermindert weiterwirken und die Gesamtpersönlichkeit massiv beeinträchtigen. Durch Fragen an das Unbewusste können unbewusste Suchprozesse in Gang kommen, welche Klärungsprozesse initiieren. Durch die Kommunikation mit dem Unterbewusstsein können Schuld und Schuldgefühle respektvoll „verhandelt“ werden. Menschen können herausfinden auf welche Weise sie für den inneren Ausgleich sorgen. Sie befinden sich auf einem produktiven Lösungsweg.