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Agoraphobie

Ausweglosigkeit im eingesperrten Leben:

Die Agoraphobie bedeutet für viele Betroffene pure Ausweglosigkeit in einem eingesperrten Leben. Betroffene erleben Ängste vor Orten und Situationen, wo sie befürchten keinen Ausweg zu finden oder keine Hilfe zu bekommen.
 
Die Agoraphobie ist eine schwerwiegende Phobie. Nach neuesten Untersuchungen leiden ca. 3,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland zwischen 25 und 65 Jahren unter behandlungsbedürftigen agoraphobischen Angstzuständen. In den meisten Fällen tritt die Agoraphobie zusammen mit einer Panikstörung auf. Die Schweregrade variieren. In der Klinik ist es die größte Gruppe der Angstpatienten.
 
Die Agoraphobie (aus dem Griechischen übersetzt: agora „Marktplatz“, phobos „Furcht) wurde mit Platzangst übersetzt. Bei der Agoraphobie besteht aber nicht nur Angst vor weiten Plätzen, sondern sie ist vorrangig geprägt durch gravierende Situationsängste, wie Angst vor Menschenansammlungen, öffentlichen Plätzen, Einkaufszentren, Warteschlangen, Fahrstühlen, Veranstaltungen, Fahrten oder Reisen. So kann das Verlassen des Zuhauses schon zu massiven Angstzuständen führen. Weit entscheidender als Orte und Situationen sind für Betroffene die existentiellen Befürchtungen, dort schutzlos zu sein, dort nicht fliehen zu können, dort keine Hilfe zu erfahren. Es ist hier nicht primär die Angst vor Menschen – wie bei der Sozialphobie –, sondern die Angst in bestimmten Situationen und an bestimmten Orten, der Schutz- und Hilflosigkeit ausgeliefert zu sein, dort sterben zu können.

Die Intensität des Angsterlebens und der Verlauf der Agoraphobie sind sehr unterschiedlich. So kann schon der Gedanke an einen Supermarkt für Menschen mit agoraphobischen Ängsten so furchteinflößend sein, dass wochenlang nicht eingekauft werden kann, während andere sich noch der gefürchteten Situation aussetzen können und das Nötigste einkaufen. Andere können unbeschwert einkaufen gehen, aber nicht mehr eine Reise unternehmen. Nicht wenige haben Angst mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, wo keine Fluchtmöglichkeiten bestehen und keine Toiletten sind. Die meisten benutzen zwar weiterhin öffentliche Verkehrsmittel, aber diese Fahrten sind von massiver Angst begleitet und werden immer mehr zur Tortur. Andere haben Angst vor Autofahrten, wenn ein öffentliches WC nicht unmittelbar erreichbar ist. Andere wiederum spüren ein massives Gefühl der Angst beim Fahren durch Tunnel oder über Brücken und „überwinden“ diese Strecken nur noch mit purer Angst oder sie machen nicht selten große Umwege. Viele fahren nicht mehr auf Autobahnen, sondern nur noch im Stadtverkehr. Und viele Betroffene haben ihren Sicherheitsradius, so dass sie einen bestimmten Stadtteil oder eine Region nicht mehr verlassen.
 
In schwerwiegenden Fällen können betroffene Menschen nicht mehr die Wohnung verlassen. Das Leben wird dann geprägt durch Vereinsamung, Berufsunfähigkeit und das Angewiesensein auf die Hilfe anderer Menschen. Obwohl die Angst von Betroffenen oft als irrational beschrieben wird, ist die Angst vor einem erneuten Angstzustand oft so quälend, dass alle Lebensbereiche überschattet werden können.

Die Symptome können alle Lebensbereiche überschatten

Die Agoraphobie beginnt in den meisten Fällen mit einer Panikattacke, also einer plötzlich auftretenden Angst, gepaart mit Furcht, Unbehagen und massiven körperlichen Reaktionen. Sie dauert zumeist nicht länger als eine Stunde, zumeist aber nur einige Minuten.
 
Bei anderen Betroffenen beginnt die Agoraphobie mit gelegentlichen Angstzuständen von mehreren Minuten bis zu einigen Stunden. Die auftretenden Symptome lassen Betroffene vermuten, dass sie unter Herzbeschwerden oder einer sonstigen Erkrankung leiden. Viele konsultieren ihren Hausarzt, der zumeist keine Erkrankung feststellen kann, so dass die Angstreaktionen auf Stress und Überlastung zurückgeführt werden. Nach Häufung der Angstzustände an bestimmten Orten oder in bestimmten Situationen wird die Angst zunehmend mit diesen Gegebenheiten in Zusammenhang gebracht und kann nicht mehr oder nur noch schwer kontrolliert werden. War das Leben bis dahin noch nicht eingeschränkt, beginnen betroffene Menschen diese Orte und Situationen aus Sicherheit zu vermeiden.
 
Das zentrale Gefühl des Ausgeliefertseins setzt eine Kaskade von Stress- und Alarmreaktionen in Gange. Vorrangig sind es vegetative Symptome: Die Hände können zittrig und kalt werden, beginnen zu kribbeln, das Herz rast, Beklemmungsgefühle werden wahrgenommen, der Atem wird schnell bis hin zur Atemnot und Hyperventilation, Schweißausbrüche und Schwäche in den Beinen können wahrgenommen werden, zudem tritt häufig eine Gefühllosigkeit in den Gliedern auf. Betroffene berichten nicht selten, dass sie Harndrang und Verlust der Blasenkontrolle verspüren. Nicht selten erleben Menschen dabei ein Gefühl der Unwirklichkeit (Depersonalisation), manchmal gepaart mit einem Gefühl des „Verrücktwerdens“. Sehr häufig gehen die Angstsymptome mit einem typischen Schwindel einher, so dass befürchtet wird, gleich den Halt zu verlieren und ohnmächtig zu werden.
 
Hypnose Hamburg Agoraphobie Die Symptomatik kann sehr variieren und nach Zeiten mit geringer Symptomatik oder weitgehender Symptomfreiheit können Zeitabschnitte mit schweren Angstzuständen folgen.
 
Weil sich agoraphobische Ängste vor allem in einer gravierenden körperlichen Symptomatik äußern, werden betroffene Menschen oft notfallmedizinisch behandelt und unterziehen sich häufig einer langwierigen Diagnostik. Nicht selten werden zahlreiche Spezialisten aufgesucht, die wiederum die körperliche Gesundheit attestieren. Oft bleiben Zweifel an diesen Aussagen. Die Selbstbeobachtung der körperlichen Befindlichkeit nimmt zu. Die Angst, dass eine körperliche Erkrankung, insbesondere eine Herzerkrankung, übersehen worden ist, zieht weitere Arztbesuche nach sich. Auf diesem Hintergrund dauert es im Durchschnitt 7 Jahre bis die Agoraphobie diagnostiziert wird.
 
Die ärztlichen Mitteilungen bezüglich der körperlichen Gesundheit tragen ebenfalls dazu bei, dass bei vielen Betroffenen die Verzweiflung wächst, da sie weiter unter körperlichen Symptomen leiden, wie zum Beispiel Schwindel, Herz- und Kreislaufbeschwerden oder Bauchschmerzen. Gefürchtete Situationen und Orte werden immer häufiger als so angstbesetzt und unkontrollierbar wahrgenommen, dass die Lebensführung – selbst bei negativen Konsequenzen – mehr und mehr von Vermeidungsverhalten geprägt wird. Zudem wird die Erkrankung durch eine sich ausweitende Erwartungsangst – die Angst vor der Angst – erschwert. Die Angstmuster verfestigen sich.
 
Die Außenwelt wird zunehmend bedrohlicher –
und die Innenwelt fragiler.

Die Ursachen:
 
wie sich Angstmuster eingravieren

Forscher gehen davon aus, dass bei der Entwicklung der Agoraphobie mehrere Faktoren eine Rolle spielen. So wird von einer genetischen Disposition ausgegangen, aus der eine erhöhte Stressbelastung emotionaler Gehirnanteile, wie des Limbischen Systems mit den Mandelkernen, den Amygdalae, resultiert. Diese Hirnregion ist mit vielen anderen Hirnteilen vernetzt und reguliert unsere emotionale Belastbarkeit. Neuroforschungen konnten belegen, dass die Rezeptoren in diesen Hirnteilen weniger sensibel auf einige Neurotransmitter – wie Serotonin und GABA – reagieren. Hier dürfte ein Schlüssel für erhöhte Stressempfindlichkeit und panische Reaktionsbereitschaft liegen.
 
Vor Ausbruch der Agoraphobie berichten die meisten Betroffenen (fast 90 Prozent), von psychosozialen Belastungen, wie Trennungsereignissen oder kritischen Lebensbedingungen mit Erleben von Ungewissheit, Schutzlosigkeit und erfahrener Hilflosigkeit. Ebenfalls können körperliche Erkrankungen mit langen Erschöpfungsphasen vorausgegangen sein. Diese traumatisierenden Ereignisse aktivieren existentielle Erfahrungen von Hilflosigkeit und Vertrauensverlust. Auf neuronaler Ebene bahnen diese Prozesse erhöhte Stressanfälligkeit, Ängstlichkeit und Verletzbarkeit.

Wie entwickelt sich nun das agoraphobische Angstmuster?

Die psychogenen Reaktionsmuster auf diese existenziellen Erfahrungen von Hilflosigkeit und Vertrauensverlust können dazu führen, dass an einem bisher als neutral erlebten Ort oder in einer bisher als neutral wahrgenommenen Situation eine Angstreaktion oder Panikattacke ausbricht. Wird dieser Ort oder diese Situation verlassen, verschwindet die Angstreaktion.
 
Aus der unmittelbaren Erfahrung heraus, dass durch Vermeidungsverhalten die Angst gemindert wird, werden agoraphobische Ängste gebahnt. Warum bereits nach einer oder wenigen Angstattacken agoraphobische Ängste gebahnt werden, ist noch nicht hinreichend erforscht.
 
Die Angstauslösung wird vorrangig in den Mandelkernen, den Amygdalae, gesteuert. Die so genannten Angstzentren sind über neuronale Netze mit anderen Hirnregionen verknüpft, so dass im Gehirn eine detaillierte Speicherung der angstauslösenden Situation erfolgt. Aber es speichert nicht nur Informationen über die furchtauslösende Situation, sondern auch über die Rahmenbedingungen der angsteinflößenden Situation. Diese Kontextinformationen spielen bei der Prägung des Angstgedächtnisses eine große Rolle, so dass wir sehr genau unterscheiden können, ob eine Situation bedrohlich ist oder nicht. Vielfältige Faktoren, wie chronischer Stress, traumatische Ereignisse, kränkende und verletzende Lebensbedingungen können dazu beitragen, dass die Einordung einer furchtauslösenden Situation – wie bei agoraphobischen Ängsten – vorübergehend oder dauerhaft fragil wird.
 
Wird die Erfahrung gemacht, dass durch Vermeidung die Angst verschwindet oder gelindert wird, tragen die „alten Kontexterfahrungen“ dazu bei, dass nun auch ähnliche Orte und Situationen gemieden werden. Die panische Reaktionsbereitschaft wird gebahnt – und auf neuronaler Ebene konsolidiert. Vermeidungsverhalten wird aktiviert und das agoraphobische Angsterleben wird generalisiert.
 
Um sicher zu gehen, werden bei vielen Betroffenen immer mehr Situationen und Orte gemieden. Wurde zum Beispiel bislang nur ein Einkaufszentrum mit besonders engen Ankleidekabinen gemieden, kann sich die Angst auf alle Geschäfte generalisieren. Bei anderen kann sich das Angstmuster nach einer Panikattacke in einem überfüllten Bus auf alle öffentlichen Verkehrsmittel ausweiten.
 
Um Orte und Situationen im Alltag zu überstehen, sorgen viele Betroffene für „persönliche Hilfs-, Sicherungs- und Auswegstrategien“, den so genannten Sicherheitssignalen. Viele Betroffene können Situationen häufig nur noch mit vertrauten Menschen durchstehen. Auf dem Handy ist die Rufnummer des Arztes; sie wissen wo ein Arzt unmittelbar zu erreichen ist. Ausreden werden benötigt oder Arbeit wird vorgeschoben, um nicht irgendwo hin zu müssen. Häufig werden Substanzen benötigt, wie Beruhigungsmittel und/oder Alkohol als Selbstmedikation, um Situationen überhaupt noch zu überstehen. Betroffenen ist bewusst, dass diese „Sicherungen“ langfristig die Unsicherheit verstärken.

Die Folgen –
 
wie Menschen zu Marionetten ihrer Angst werden

Auf diesem Hintergrund entwickeln sich nicht selten substanzgebundene Abhängigkeiten. Die Ratlosigkeit Angehöriger bezüglich vergeblicher Hilfestellungen wächst. Schuldgefühle betroffener Menschen nehmen zu, was die Gesamtsituation weiter dramatisiert. Aus dem ständigen Angsterleben und dem Grübeln resultieren zunehmende Erwartungsängste, die noch intensiver wahrgenommen werden können als die furchtauslösende Situation selbst – und wiederum Angst- und Panikattacken auslösen. So können Betroffene kreisende Gedanken wahrnehmen, wie zum Beispiel: wenn ich da bin, dann wird mein Herz…, wenn ich dahin fahre, dann werde ich schwindlig, …falle in Ohnmacht…
 
Das gravierende Angst- und Furchterleben führt zu chronischer Erschöpfung, wodurch die Leistungsfähigkeit abnimmt. Berufliche Perspektiven können nicht mehr wahrgenommen werden, bzw. im Beruf wird nur noch das Nötigste absolviert; es droht zeitweise oder ständige Arbeitsunfähigkeit. In diesem erschöpfenden Teufelskreis wird das Vertrauen in eigene Handlungsmöglichkeiten weiter geschwächt und der Lebensradius wird immer kleiner. Weil viele Betroffene nicht mehr die Wohnung verlassen können, vereinsamen sie und erleiden einen sozialen Abstieg. Viele fühlen sich als Marionetten ihrer eigenen Angst – ausgesperrt vom Leben.

Die Hypnotherapie kann ein Ausweg sein

Die Hypnosebehandlung kann ein Weg sein, um aus der Angstspirale der Agoraphobie herauszukommen. In der therapeutischen Hypnose kann das Unbewusste „mit seinem stillen Wissen“ verletzende, belastende Geschehnisse aus einer früheren Lebenszeit entzerren. Durch die Hypnotherapie können alte Bezugsrahmen verändert werden, die an der agoraphobischen Angstauslösung beteiligt waren. Wie Milton Erickson es formulierte, entsteht die Phobie „durch die unangebrachte Verwendung eines alten Bezugsrahmens in einer neuen Situation. … Die Angst und das Vermeidungsverhalten sind ein deutliches Zeichen, daß die alten Bezugsrahmen des Patienten verändert werden müssen.“ (Erickson, Milton H. / Rossi, Ernest (2004) Hypnotherapie, Stuttgart, Klett-Cotta, 398-399.)
 
Wenn der Schlüssel für einen neuen Lebensrahmen gefunden wird, können sich neue neuronale Netze bahnen, so dass alte Angstmuster aufgebrochen werden können. Handlungsfähigkeit kann sich wieder entwickeln und Vermeidungsverhalten kann sich verringern. Langsam können Schritte gegangen werden. Neue Erfahrungen schaffen für Betroffene eine neue Wirklichkeit, und diese Wirklichkeit wirkt im Leben.
 
Gegenwärtig liegen nach meinem Kenntnisstand noch kaum fundierte Ergebnisse über die Behandlung der Agoraphobie mit Hypnotherapie vor.

Erfahrungsbericht

„Ich litt seit meiner frühen Jugend an einer schweren Agoraphobie mit Panikstörung. Obwohl ich alle Wege der Schulmedizin gegangen war (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Therapie, Pharmakologische Therapie, Aufenthalt in einer Tagesklinik), ging es mir zunehmend schlechter. Als ich den Kontakt zu Frau Dr. Rabe aufnahm, war ich am Tiefpunkt meines Lebens. Ich hatte meine Wohnung seit Jahren kaum noch verlassen, lebte ständig in Todesangst, konnte meinen Sohn nicht mehr alleine betreuen, fühlte mich hoffnungslos und war am Ende meiner Kräfte. Frau Dr. Rabe erklärte sich bereit, mich zu Hause zu besuchen, da ich nicht in der Lage war, sie in ihrer Praxis zu besuchen.
 
Frau Dr. Rabe kam zu mir und führte eine ausführliche Anamnese durch. Wir führten eine kurze Sitzung durch. Ich kann nicht beschreiben, was in mir passierte, aber etwas hatte sich verändert. Bereits nach diesem Treffen begann ich, meine Wohnung wieder zu verlassen und mich in mir sicherer zu fühlen.
 
Frau Dr. Rabe kam einige Wochen später ein zweites Mal zu mir. Jetzt konnte ich ganz deutlich wahrnehmen, wie stark mein Körper reagierte. Nach diesem Treffen gelang mir der Durchbruch. Ich legte eine weite Entfernung auf der Autobahn zurück, geriet in einen Stau und in eine Verkehrskontrolle, wartete in einem Gebäude voller Menschen und nahm dann einen langen Termin wahr – alles, ohne einen Anflug von Panik. Es war ein Wunder! Ich wusste nicht, woher diese Überzeugung, auch außerhalb meines Schutzraumes sicher zu sein auf einmal kam, aber sie war da und ist bis heute geblieben.
 
Ich kann nun wieder hinausgehen, Menschen treffen, Dinge tun, die mir Freude machen und was das wichtigste ist: Mein Kind wieder selbstständig versorgen. Wenn ich an die dunklen Jahre meines Lebens zurück denke, dann ist das für mich unvorstellbar, wie ich diese Zeit überlebt habe.“ R.C